← The Journal

Process

Warum ich nicht in Serien male

Als mich zum ersten Mal ein Sammler unter einem Atelier-Clip gefragt hat, warum ich nicht in Serien male, habe ich die Frage fast nicht verstanden. Notizen aus einem Brooklyn Atelier ueber eine Druck-Logik, die Originale ruiniert, ueber das, was das Auge in seriell entstandenen Arbeiten tatsaechlich sieht, und ueber drei Tage Nichtstun, die ein Bild erst fertig machen.

A Brooklyn atelier in late morning light: a finished oil painting leaning face out against the north wall with wet impasto on its lower third, and a raw linen canvas turned to face the wall on the easel.
A Brooklyn atelier in late morning light: a finished oil painting leaning face out against the north wall with wet impasto on its lower third, and a raw linen canvas turned to face the wall on the easel.

Das Bild, das ich gestern fertig gemalt habe, lehnt an der Nordwand, das Oel ist auf dem unteren Drittel noch klebrig, wo das gebrannte Sienna sich in den Stoff gezogen hat. Auf der Staffelei steht eine rohe Leinwand, die ich zur Wand gedreht habe. Sie wird drei Tage so stehen bleiben, lange genug, dass ich vergesse, was ich gerade gemacht habe.

Serienproduktion ist eine Druck-Logik

Als mich zum ersten Mal ein Sammler unter einem Atelier-Clip gefragt hat, warum ich nicht in Serien male, habe ich die Frage fast nicht verstanden. Sie kam aus einem Vokabular von Workflows, das zu Druckereien, Kuechen und Content-Studios gehoert, nicht zu einer einzelnen Hand in einem einzelnen Raum. Wer in Serien malt, muss im Voraus entscheiden, dass das naechste Bild eine Variation des letzten wird, nur mit anderen Variablen. Genau das ist es, was ich in den vergangenen fuenfzehn Jahren versucht habe nicht zu tun.

Es gibt eine Marktlogik, die der Serienarbeit schmeichelt. Schnellere Umschlaege. Planbarer Nachschub. Eine flachere Lernkurve fuer eine Hand, die sich wiederholen darf. Maler, die anfangen in Serien zu arbeiten, fangen meist damit an, weil jemand fragt: bitte das Gleiche, nur ein bisschen anders. Dieses eine Ja altert eine Hand auf eine Weise, die zehn voellig unterschiedliche Auftraege nicht koennen. Die Hand hoert auf, das Bild zu finden, und faengt an, es zu wiederholen.

Was das Auge in einer Serienarbeit sieht

Der Grund, warum das wichtig ist, ist nicht romantisch. Er ist sichtbar.

Wer fuenf Leinwaende parallel bearbeitet, faellt mit dem Handgelenk in seine staerkste Bewegung zurueck. Das Auge hoert auf zu korrigieren, weil es aufgehoert hat, sich selbst zu ueberraschen. Bei der dritten Leinwand wird der Pinselzug zur Routine, bei der vierten werden die Farbentscheidungen zu einem Algorithmus aus dem, was beim letzten Mal funktioniert hat. Das Werk sieht immer noch nach einer Person aus. Es sieht aber nicht aus, als haette diese Person dem konkreten Bild Aufmerksamkeit geschenkt.

Ich habe vor solchen Arbeiten gestanden. Der Verraeter sitzt fast immer in den Leerstellen. Eine Passage unbemalter Grundierung liest sich in allen vier Bildern gleich, dieselbe Breite ausgesparter Leinwand, derselbe intuitive Griff zum Pinsel im selben Abwaertswinkel. Die Hand hat mit sich selbst gesprochen, nicht mit der Leinwand.

Eine fertige Leinwand lehnt im kuehlen Morgenlicht eines Brooklyn Ateliers an der Nordwand, Farbe ist auf der unteren Kante noch frisch.
Die Wand, an der ich auf dem Weg zum Wasserkessel vorbeigehe.

Serienarbeit ist effizient fuer Drucke. Fuer Originale ist sie Gift. Die Hand hoert auf, das Bild zu finden, und faengt an, es zu wiederholen.

Was drei Tage Nichtstun bewirken

Der andere Grund, warum ich so arbeite, ist die Pause. Zwischen dem Ende eines Bildes und dem Anfang des naechsten lasse ich mindestens drei Tage, in denen keine neue Leinwand begonnen wird. Das fertige Werk steht an der Nordwand, wo das Morgenlicht gleichmaessig und unbarmherzig ist. Ich gehe daran vorbei auf dem Weg zum Wasserkessel, auf dem Rueckweg vom Postamt. Nach einem Tag werden die Stellen, auf die ich stolz war, leiser. Nach zwei faellt die Stelle, der ich nicht getraut habe, entweder durch oder kommt endlich an. Am dritten Tag kenne ich das Bild. Nicht so, wie ich es an der Staffelei gekannt habe, sondern naeher daran, wie eine Sammlerin es bei einem fluechtigen Blick aus dem Flur an ihrer Wand kennen wird.

Genau das macht eine Serienarbeit unmoeglich. Wenn die naechste Leinwand schon nass auf der anderen Raumseite steht, gibt es kein Vorbeigehen. Die Hand kann sich nicht leisten, die gestrige Arbeit anzusehen, weil die heutige etwas verlangt. Ich habe an anderer Stelle einmal beschrieben, wie ein Werk sechs Wochen brauchen kann, weil es einfach die falsche Leinwand zum Anfangen war. Diese Entscheidung steht nur offen, wenn ich nicht bereits drei weitere begonnen habe.

Die eine Leinwand im Raum

In der aktiven Rotation dieses Ateliers gibt es meistens nur ein einziges Bild zur gleichen Zeit. Die anderen Oberflaechen im Raum sind weggedreht, gelehnt, gestapelt. Eine neue Leinwand wird erst aufgespannt, wenn die letzte trocken genug ist, um verpackt oder gehaengt zu werden. Besucherinnen und Besucher finden das seltsam. Sie erwarten, dass ein Atelier aussieht wie ein Feed aus Farbtuben und einer Wand voller Werke in Arbeit. Das Atelier mit einer einzigen Leinwand zur Zeit wirkt leerer und stiller, als sie sich das vorgestellt haben, und genau das gehoert dazu.

Es ist auch der Grund, warum ich aufgehoert habe, eine Jahresbilanz zu fuehren. Die Zahl an Originalen, die eine einzelne Hand in einem Jahr ehrlich fertigstellen kann, ist weit kleiner, als der Markt suggeriert, und der groesste Teil der Arbeit eines Malers besteht darin, mit dieser Zahl Frieden zu schliessen. Ein Jahr, in dem ich mich geweigert habe, das Atelier in Zahlen zu messen, hat mir beigebracht, die Staffelei zwischen zwei Bildern lieber leer zu lassen als voll.

Die rohe Leinwand auf der Staffelei wird erst am Donnerstag umgedreht. Ich weiss bis dahin nicht, was sie werden wird. Das ist die einzige ehrliche Antwort auf die Frage, wie viele Bilder aus einem Raum mit einer einzigen Hand darin kommen koennen.

Anmeldung

Hast du dein Passwort vergessen?

Sie haben noch kein Konto?
Konto erstellen