Studio
Das Bild nach dem Muttertag
Im Brooklyn-Atelier kommt ein Gemaelde, das fuer eine Mutter gedacht ist, fast nie am Feiertag selbst an. Es kommt an einem Dienstag, acht bis zehn Tage spaeter, in einem stillen Raum. Eine Notiz darueber, warum handgemalte Geschenke keinen festen Termin moegen, und warum der Tag, an dem eine Arbeit ankommt, Teil der Arbeit ist.

Es ist Dienstagnachmittag im Brooklyn-Atelier, und das Westfenster hat einen leicht gruenen Schimmer angenommen, weil die Hudson Avenue draussen frisch ausgetrieben hat. Eine Leinwand lehnt an der Polsterplatte, der Firnis zieht noch nach, und der Geruch im Raum ist seit neun Tagen derselbe, Oel und ein leiser Hauch Pinie. Ich schreibe gerade die Karte, die in das Leinen kommt, vier Zeilen, und der Postbote wird erst am Donnerstag wieder klingeln.
Warum eine Hand keinen Sonntag halten kann
Die meisten Bestellungen, die in der zweiten Aprilwoche im Atelier ankommen, sind Geschenke fuer Muetter, und fast immer steht ein Datum dabei. Ein Sonntag im Mai. Dass ein handgemaltes Werk an einem festgelegten Sonntag eintrifft, ist eine Choreografie, die Drucke versprechen koennen, Originale nicht. Mit der Trockenzeit laesst sich nicht verhandeln. Ein Firnis, der achtundvierzig Stunden Ruhe braucht, laesst sich nicht beschleunigen. Deshalb sage ich Sammlern frueh und ruhig, dass das Bild nicht am Feiertag ankommt. Es kommt in der Woche danach.
Das ist kein logistisches Eingestaendnis. Es liegt schlicht daran, wie die Arbeit tatsaechlich entsteht. Es gibt einen Mitbewerber, der auf seiner Startseite eine Lieferzeit von fuenfzehn Tagen verspricht, und ich respektiere die Ehrlichkeit dieser Aussage. Sie beschreibt nur ein anderes Objekt. Ein schnell gemaltes Bild ist ein anderes Bild als eines, dem man Zeit gelassen hat. Wenn jemand ein Original aus dem Atelier erwirbt, kommt diese Zeit mit, und sie laesst sich nicht in ein Marketingfenster pressen. Gerade die groesseren Arbeiten, die die Sammler in spaeteren Briefen am haeufigsten erwaehnen, wurden nie fertig, weil ein Datum es verlangt hat.
Der Dienstag vor dem Einpacken
Die achtundvierzig Stunden, bevor ein Werk verpackt wird, sind die merkwuerdigsten in seinem Leben, und meistens fallen sie auf einen Dienstag. Ich schaue im Morgenlicht auf die Oberflaeche und finde eine Stelle, an der ein Pinselstrich noch eine Frage stellt. Bis zum Nachmittag habe ich entweder geantwortet oder bewusst entschieden, sie stehen zu lassen, und diese Entscheidung wird Teil der Arbeit. Das Radio bleibt aus. An der Atelierwand steht eine Polsterplatte, an der drei oder vier Leinwaende gleichzeitig lehnen, alle in leicht unterschiedlichem Trocknungsgrad, alle still.
Bevor das Leinen um das Werk geht, schreibe ich die Karte. Vier Zeilen, manchmal fuenf. Sie nennt den Muttertag nicht. Sie nennt das Datum, an dem das Bild fertig wurde, die Tageszeit, zu der der letzte Pinselstrich gesetzt wurde, und ein kleines Detail ueber die Leinwand, das nur jemand kennen kann, der sie neun Tage in der Hand hatte. Die Karte wird gefaltet, in einen kleinen Umschlag gelegt und zwischen Leinen und Wellpappe geschoben. Die Empfaengerin findet sie an einem Dienstagmorgen, nicht beim Sonntagsbrunch.
Ein schnell gemaltes Bild ist ein anderes Bild als eines, dem man Zeit gelassen hat. Der Tag, an dem ein Werk ankommt, ist Teil des Werks.
Wie der 18. Mai wirklich aussieht
Der Tag, an dem das Bild tatsaechlich eintrifft, ist meistens ein Montag oder Dienstag, acht bis zehn Tage nach dem Feiertag. Den 18. Mai habe ich auf mehr Versandzetteln im Fruehjahr stehen als jedes andere Datum. Die Mutter, die es dann oeffnet, oeffnet es allein. Die Karten sind weg, der Strauss steht kurz davor, braun zu werden, der Brunch ist gegessen und besprochen. Der Raum ist still.
Was ich aus den Briefen gelernt habe, die zurueckkommen, und es kommen Briefe, manche brauchen ein Jahr, ist, dass es das Oeffnen am Dienstag ist, das in Erinnerung bleibt. Kein Chor, kein Telefon, das auf der Kuechenbank lehnt, keine Erwartung, eine Reaktion zu spielen. Es sind das Bild, das Leinen, die kleine Karte, das leicht gruene Fruehlingslicht durchs Fenster und eine Frau, die seit vierzig oder sechzig Jahren ihre eigenen Entscheidungen trifft.
Der Tag, an dem ein Werk ankommt, ist Teil des Werks
Die Variante dieses Geschenks, die am Sonntag mit einem Luftballon ankommt, konkurriert mit allem anderen an einem Tag, der wie ein Luftballon aussieht. Die Variante, die am 18. Mai kommt, hat den Raum fuer sich. Ueber diesen ruhigen Wochentagsrhythmus habe ich in frueheren Atelier-Notizen bereits geschrieben, und je laenger ich die Wochen vor einem Versand beobachte, desto klarer wird mir, dass der Tag, an dem ein Werk ankommt, Teil des Werks ist.
An diesem Dienstag im Mai firnisse ich im Atelier ein Bild, das Brooklyn am Donnerstag verlaesst und naechsten Dienstagmorgen eine Kueche in Maine erreicht. Die Karte ist schon geschrieben. Sie sagt nichts ueber den Feiertag. Sie sagt alles ueber die neun Tage, die das Bild gewartet hat, und ueber die Frau, die, wenn sie es oeffnet, allein im Raum sein wird.
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